Tacitus
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Tacitus Leben und Werk (sine ira et studio)

Ÿ Publius Cornelius Tacitus ~ 55-120 n. Chr. aus Gallien

Ÿ gute Ausbildung (Rhetorik) und familiäre Beziehungen

Ÿ Freund des Plinius

Ÿ heiratete 78 n. Chr. die Tochter des Cn. Iulius Agricola (späterer Statthalter von Britannien, gest. 93 n. Chr.)

Ÿ erstes Amt unter Vespasian (69-79 n. Chr. Kaiser)

Ÿ 88 n. Chr. Prätor unter dem verhassten Domitian (81-96 n. Chr. Gewaltherrscher)

Ÿ 90-93 n. Chr. war er in einem nicht näher bekannten Amt außerhalb der Hauptstadt tätig

Ÿ 97 n. Chr. unter Nerva (96-98 n. Chr. Kaiser) Suffektonsul

Ÿ etwa 112 n. Chr. Prokonsul der Provinz Asia

Ø das Werk des Tacitus ist geprägt vom Leiden an der eigenen Zeit

Ø Sehnsucht nach der einstigen republikanischen Freiheit = wurde von der Kaiserzeit überholt und kam nicht wieder

Ø steht der einst propagierten Mischverfassung skeptisch gegenüber

Ø ein noch mögliches Ideal ist das liberale Kaisertum nach der Tyrannis des Domitian

Ø erst nach dem Tode Domitians war eine freie Meinungsäußerung möglich

Werkstypen:

Agricola

Ÿ römische Biographie/ historische Monographie (geprägt durch die laudatio funebris – preisende Leichenrede)

Ÿ der Mittelteil enthält den Höhepunkt von Agricolas Karriere – 7 Jahre Statthalter in Britannien

Ÿ Exkurse: Geographie und Ethnographie Britanniens, Geschichte der römischen Eroberungen auf der Insel

Ÿ Vorbild für derartigen Schreibstil ist Sallust

Ÿ Agricola ist Beispiel für einen tüchtigen und besonnenen Römer

Ÿ auch in Zeiten der Unterdrückung ist Agricola seinen Prinzipien treu geblieben

Annales

Ÿ Historiographie (Geschichtsschreibung)

Ÿ ab excessu divi Augusti

Ÿ iulisch-claudisches Kaiserhaus (14 – 68 n. Chr.)

Ÿ Geschichte der augusteischen Zeit ausgespart, das bereits von Livius ausführlich dokumentiert

Ÿ 16 Bücher, nur noch Bruchteile erhalten

Ÿ Regierungszeit Caligulas fehlt ganz, von Claudius die Hälfte, von Nero die letzten beiden Jahre

Ÿ betrieb sorgfältige Quellenstudien

Ÿ Vorsicht: nicht alles entspricht der historischen Wahrheit

Ÿ Geschichte soll nicht nur nach ihrem zeitlichen Ablauf dargestellt, sondern auch aus ihren inneren Ursachen erklärt werden

Ÿ Tacitus stellt oft psychologische Überlegungen an

Ÿ historische Geschehen sind wichtig zur Interpretation der Charaktere

Ÿ Negativentwicklung des Imperium Romanum:

a)      Reich leidet anfangs unter dem Misstrauen und der Verschlagenheit des Tiberius

b)      dann unter Caligulas offenem und unberechenbarem Wüten

c)      unter Claudius wird die Tyrannis von einem ‚Idioten’ ausgeübt

d)      zuletzt erreicht Nero als ‚Hanswurst’ die Herrschaft

Ÿ Resultat dieser Entwicklung: Verlust von Freiheit (libertas), Verschwinden der Tugenden (virtutes), menschliche und sittliche Werte spielen keine Rolle mehr = Sittenverfall

Ÿ auch Götter, das Schicksal oder auch der Zufall spielen bei Tacitus für historische Abläufe eine bedeutende Rolle

Stil

Ø Kürze, ungewöhnliche/ungebräuchliche Wörter/ Wendungen, Vermeiden der Konzinnität, Zerbrechen von Periodenstrukturen, Kühle des Stils, Substantivierungen, Abstraktionen, lange Aneinanderreihungen von Ablativkonstruktionen, kurze und sachliche Hauptsätze

Intentionen des Autors

Ÿ sine ira et studio (objektiv) zu berichten geht nicht, da Tacitus zu sehr durch seine Zeit geprägt ist

Ÿ Dilemma des Lebens unter einem tyrannischen Regime

Ÿ Erkenntnis: Prinzipat und Freiheit lassen sich nicht miteinander vereinbaren

Ÿ Tacitus spricht von moralischer Mitschuld am Untergang der libera res publica

Ÿ die wichtigste Aufgabe der Annales liegt in der Anklage gegen den Senat

Ÿ virtutes werden gepriesen, sind aber nur durch libertas möglich

Ÿ allgemeine Fragestellungen:

a)      Bestimmen Schicksal oder Zufall das Weltgeschehen, somit auch die Launen des Herrschers?

b)      Hat der Mensch auf consilium beruhende Einflussmöglichkeit?

c)      Gibt es zwischen gefährlichem Widerstand und entwürdigender Willfährigkeit doch noch einen politisch gangbaren Weg?

Fazit:

Ø die virtus in einer vom Schicksal oder Zufall regierten Welt ohne Einwirkung durch consilium wäre sinnlos

Ø „Das ganze menschliche Geschehen ist ein Gaukelspiel.“

Ø Tacitus findet keine Beispiele der überlieferten virtus (Tugend), vielmehr häufen sich die vitia (Laster)

Ø es gibt keine Antwort auf die Frage, wer oder was das Weltgeschehen lenkt

Ø der Leser soll durch das Werk innerlich erschüttert werden (cf. Drama, Tragödie), der Historiker wird zum Moralisten

Ÿ Agricola: eine Mischung aus Laudatio funebris und biographisches Enkomion (ursprgl. gesungenes Preislied auf Lebende oder Verstorbene – literarische Gattung)

Ÿ Aufbau eines Enkomions: Proömium, Genesis, Physis, Anatrophe, Epitedeumata, Praxeis, Synkrisis, Epilog

Ÿ Schreibgrund: Ehre des Schwiegervaters und pietas

Ÿ Agricola dargestellt als Ideal der römischen virtus, dargestellte Charaktere hat mit der historischen Person wenig zu tun (Stilisierung)

Quellenangaben:

Feger, Robert: “Agricola”. Lateinisch und Deutsch. Nachwort. Stuttgart 2000.

Sontheimer, Walther: „Tacitus. Annalen I-VI.“ Einleitung. Stuttgart 2003.